Auf den Ton gekommen

Schüssel

Der Zoologe Prof. Dr. Jochen Martens erinnert sich an seine Studienreisen ins weitentfernte Nepal, an seine Vogelstimmenjagd im Himalaya.

Nachdem ich 1968 promoviert hatte, bewarb ich mich um ein Stipendium und reiste ein Jahr später für 16 Monate nach Nepal, um dort zunächst Weberknechte im Hochgebirge zu untersuchen – Spinnentiere, die auch Thema der Dissertation waren. Mehr und mehr standen auch die Vögel des Himalaya in meinem Interesse, vor allem deren Stimmen, die damals völlig unbekannt waren.

Die technischen Probleme für Tonbandaufnahmen im Freiland waren damals groß. Transportable Tonbandgeräte erwiesen sich als unhandlich und schwer und Richtmikrofone als wenig geeignet. Die Lösung war ein selbst gebauter Parabolreflektor mit 76 cm Durchmesser. Unter übler Geruchsentwicklung und Panik im Institut - man vermutetet einen Brand - habe ich ihn mit Kunstharz und Glasfasermatten von einem Negativ abgegossen, und die Griffe baute unsere Werkstatt. Auch dieser erste Reflektor war unangenehm schwer und nur auf Stativ zu bedienen.

Mit dieser Ausrüstung war ich mehrfach monatelang unterwegs, mit einer kleinen Truppe von einheimischen Trägern, einem Koch und einem Präparator, die Zelte, Lebensmittel und die gesamte Ausrüstung mit bis zu 30 kg je Träger auch in die entferntesten Gebiete schleppten. Meine höchstgelegenen Aufnahmen stammen aus über 5000m Höhe, und die Umwanderung des Dhaulagiri, des siebthöchsten Berg der Erde, dauerte dreieinhalb Monate, und das ohne Kontakt zur Außenwelt – bisweilen eine harte Zeit als Europäer in einem fremden Kulturkreis so ganz allein zwischen den Bergriesen, ohne Elektrizität (außer jener aus Batterien), ohne Telefon und Postamt, aber mit unvergesslichen Erinnerungen bis heute.

Wozu aber diese staatlich geförderten Strapazen? Die Stimmen der Singvögel und ihre Dialekte sind mit denen der menschlichen Dialekte vergleichbar. Ab einem bestimmten Unterschied klappt es mit der Verständigung nicht mehr – und so entstehen in der Evolution relativ schnell neue Arten, die sich an der Stimme unterscheiden - zumindest bei den Vögeln. Ich wollte wissen, welches Ausmaß diese Differenzierungen in den Himalayatälern bereits angenommen hatten und ob die Verständigung dort von Tal zu Tal noch klappt oder eben nicht mehr. Und tatsächlich, mancher bisher unbekannten Vogelart bin ich auf dieser und vielen weiteren Reisen in Asien „auf den Ton“ gekommen.

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