Praxis und Theorie

Würfel Selbstgefeilt

Dr. Ekkehard Kroll erinnert sich an die dem technischen Fortschritt zum Opfer gefallenen Bestandteile seines Studiums.

Mein Studium der Mathematik und Physik begann ich im Sommersemester 1958. Zum Besuch der Vorlesung in Experimentalphysik I (Mechanik und Wärme) bei Prof. Dr. H. Klumb gehörte die Teilnahme an einem „handwerklich-technologischen Praktikum“ in Metall- oder Glasbearbeitung; ich hatte mich für die Abteilung technisches Zeichnen und Metallbearbeitung (kurz „Feilpraktikum“) entschieden, wo aus entsprechenden Blech- und Stahlrohlingen ein Metallkästchen, ein rechter Winkel, ein Zirkel und ein Würfel auf einer mit Rauten zu verzierenden Konsole (wie hier zu sehen) anzufertigen waren. Der Hintergedanke bei dieser Ausbildung war, dass Studierende der Physik bei Versuchsaufbauten in der Lage sein sollten, auch mal selbst Hand anzulegen.  

Im dritten Semester (SS 1959) besuchte ich das mathematische Grundpraktikum Teil I, in dem die gestellten Übungsaufgaben noch mit den damals üblichen mechani­schen Geräten wie Planimeter, Kurbelrechenmaschine (wie hier abgebildet) u. a. zu lösen waren. Erst im Teil II (WS 1959/60) des Praktikums kam der Zugang zu Rechen­automaten; programmiert wurde in der von Prof. Dr. F. L. Bauer (einem der Begründer der Informatik in Deutschland) entwickelten Programmiersprache ALGOL 60.   

Wer heute seine Texte am Computer erstellt, glaubt nicht, wie mühsam es früher war, insbesondere mathematische Texte mit den vielen Sonderzeichen, griechischen Buchstaben und diversen Abbildungen mit einer der damals üblichen Schreibmaschinen zu erstellen und bei Fehlern mit Tipp-Ex zu korrigieren. Für das Tippen meiner Dissertation 1968 hatte ich mir eine Schreibmaschine zugelegt, deren Tastatur die gebräuchlichsten Buchstaben des griechischen Alphabets aufwies. (In den siebziger Jahren gab es dann wenigstens elektrische Schreibmaschinen mit  auswechselbaren Kugelköpfen.)

Mindestens ebenso gravierend ist der Übergang vom Reißbrett zum Einsatz entsprechender Software-Systeme bei der Erstellung von Konstruktionszeichnungen in der darstellenden Geometrie und ihrer Anwendungen in Architektur, Maschinenbau usw.. So habe ich als Akademischer Rat in den achtziger Jahren Studierende der Mathematik in die Herstellung räumlicher Darstellungen  (Parallel- und Zentralrisse) aus Grund-, Auf- und Seitenrissen an Reißbrettern mit Reißschienen unter Verwendung technischer Hilfsmittel wie Lineal, Dreieck, Zirkel, Kurvenlineal eingeführt. Sobald entsprechende Computerprogramme zur Verfügung standen, haben wir die konstruktive Geometrie (insbesondere für Flächen im Raum) damit – und viel effektiver – betrieben

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